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  • Worst Case im Fall Envio

    Geschrieben am 21. Mai 2010 Thomas Hoffmann 1 Kommentar

    Kam es wie es kommen musste? Nun ist es amtlich: Der schlimmste anzunehmende Fall ist bei Envio eingetreten. Gestern Mittag, 20. Mai 2010, verfügte die Bezirksregierung Arnsberg die sofortige Stilllegung des gesamten Betriebs. Nur einen Tag vorher hatte das Dortmunder Unternehmen Besuch von der Staatsanwaltschaft, die das Gelände untersuchte und Unterlagen beschlagnahmte.

    Die Bezirksregierung gab bekannt, es seien nicht nur PCB in unzulässiger Konzentration festgestellt worden, sondern auch Dioxine und Furane - im Innen- und Außenbereich. Die Mitarbeiter des Unternehmens und der angrenzenden Betriebe sollen zur Blutuntersuchung.
    Hat man hier Geschäfte zu Lasten der Gesundheit von Mitarbeitern und Unbeteiligten gemacht? Hatte das Unternehmen die Entsorgung der Transformatoren überhaupt noch im Griff? Noch mal zur Erinnerung: Uns gegenüber erklärte das Unternehmen, es sei alles in Ordnung.

    Der Fall Envio landete zum Ende des Winters/Anfang Frühjahr auf unserem Tisch. Bis dahin war die Aktie der Envio ein willkommener Bestandteil des Vermögens des Murphy&Spitz Umweltfonds Deutschland. Das Unternehmen und die Aktie waren von uns bewertet und als investmentfähig eingestuft. PCB-Entsorgung - generell der Umgang mit Altlasten, die umweltgefährdend sind, das ist für einen Umweltfonds ein interessanter Bereich. Nicht nur wegen der Story, dem Image, sondern weil damit zwei Dinge wunderbar verknüpft werden: Aussichtsreiches Geschäft und Nutzen für Umwelt und Gesellschaft.
    Aber da war noch dieser langwährende PCB-Fall im Dortmunder Hafen, an dem die Stadt das Landesamt für Natur und Umweltschtz (LANUV) schon so lange knabberten. Die Empfehlung vom Februar den Verzehr bestimmter Gemüsesorten aus den angrenzenden Schrebergärten zu vermeiden klang recht hilflos. Verständlich, dass sich einige empörten, es werde nicht genug getan den Verursacher zu finden.

    So einfach aber ist das nicht. Umweltgifte zurückzuverfolgen bedeutet oft akribische Detektivarbeit. Leider gibt es keine Spur, auf die man bloss den Suchhund ansetzen braucht. Für uns stellte sich die Frage: Hat Envio etwas damit zu tun? Könnte Envio damit in Zusammenhang gebracht werden? Was tut Envio, um Verdachtsmomente zu entkräften? Sollte etwas auf Envio zurückfallen, hätte das Konsequenzen für den Aktienkurs. Und PCB-Entsorgung und PCB im Boden - das legt einen Zusammenhang schon nahe, das sollte man also ausräumen.
    Es war also klar, dass wir uns mit der Angelegenheit befassen müssen, mit dem Unternehmen sprechen, Informationen vor Ort einholen, sehen, was andere Beteiligte dazu sagen. Wir entsandten unsere Spezialistin für Umweltfragen und ließen sie recherchieren. Wir sprachen mit dem Unternehmen und werteten unsere Informationen aus. Hatte Envio uns überzeugt? Konnten wir davon ausgehen, dass das Unternehmen Vorwürfe entkräften kann? Dass es mit der Angelegenheit so umgeht, dass unser Investment keinen Schaden nimmt? Kurz gesagt nein. Und die Begründung stellte uns nicht zufrieden. Die ganze Kommunikation stellte uns nicht zufrieden. Würde die PCB-Sache sich entwickeln und Dynamik entwickeln, so wäre Envio nicht in der Lage, auch nur ansatzweise Krisenkommunikation zu betreiben. Es sei hier einmal an das PR-Desaster bei Telekom (Bespitzelung) und Siemens (Bestechung) erinnert. Schlimme Krisen, aber die Unternehmen reagierten: Sie hatten Ruf zu verlieren und es galt so viel davon zu retten, wie nur irgend möglich.

    Aber Envio? Um es mit den Worten meines Kollegen zu sagen: “Wir sehen uns das Spiel jetzt von der Seitenlinie an.” Ich muss sagen, dazu hatten wir wahrhaft Gelegenheit. Nur wenige Tage nach der Bekanntgabe unserer Entscheidung, entschied Arnsberg, den Betrieb teilweise stillzulegen. Wöchentlich wurden neue Details, ja geradezu Ungeheuerlichkeiten bekannt, in die Envio verwickelt sein soll. Doch nun ist es Sache der Behörden, beziehungsweise der Staatsanwaltschaft, das zu klären - unser Fazit war bereits mit dem Abschluss unserer Untersuchung gezogen.

    “Für diese Werte haben wir noch keine Erklärung. Vorsorglich haben wir deshalb den gesamten Betrieb in unserer Niederlassung Dortmund unterbrochen.” So Envios Reaktion auf die Verfügung der Bezirksregierung zur kompletten Stilllegung. Man habe auch umgehend eine Fachfirma zur Reinigung des Geländes beauftragt. Ich behaupte, mit einem Blick auf die Mitteilung des Bezirksregierung: Man hat euch keine andere Wahl gelassen. Wäre ja noch schöner, wenn die Öffentlichkeit für die Reinigungskosten aufkommen müsste.
    Dieser ungeschickte Versuch von Corporate Doublespeak soll noch Handlungsfähigkeit suggerieren - ein Blick auf den Aktienmarkt zeigt, dass Envio kein Vertrauen mehr genießt. Oder um Gereon Kruse, Kommentator der Financial Times zu zitieren: “Auf jeden Fall hat Envio auf absehbare Zeit viel Kredit auf dem Börsenparkett verspielt. Da mögen die zuletzt ganz passablen Zahlen nur ein schwacher Trost sein. Zurzeit hat das Papier aber keine Investmentqualität mehr.”

     

    Eine Antwort zu “Worst Case im Fall Envio”

    1. [...] Die Vorkommnisse bei der Dortmunder Envio AG , die kürzlich als “größter PCB-Skandal der Bundesrepublik” das Politmagazin “Report” beschäftigt haben, zeigen wieder einmal, dass unverantwortliches und wohl auch kriminelles Geschäftsgebahren mit schlechter Corporate Governance zusammenhängt. Die Schlagworte sind Interessenkonflikte und Intransparenz. Ein offensichtlicher Interessenkonflikt ergibt sich daraus, dass die Vorsitzende des Aufsichtsrats und der Vorstandsvorsitzende verheiratet sind. Wie soll da eine effektive Überwachung möglich sein? Die Intransparenz wird durch ein unüberschaubares Geflecht von Beteiligungen der Führungskräfte dokumentiert. Zu diesen Themen werde ich in einem Artikel von Klaus Brandt in der Westfälischen Rundschau vom 16. Juli 2010, der weitere Informationen enthält, zitiert. [...]

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